Experten diskutieren das Thema Biokunststoffe im Plastics InnoCentre

Nachhaltigkeit im Plastics InnoCentre

Biokunststoffe: Greenwashing oder wirtschaftliche Alternative – bereits der bewusst provokativ formulierte Titel der hochkarätigen Fachveranstaltung des INNONET Kunststoff mit der Landesagentur BIOPRO im Plastics InnoCentre in Horb a.N. (PLIC) ließ Kontroverses erahnen. Der Sinn, respektive Unsinn der Verwendung von Biokunstoff stand im Fokus der Diskussion, nach interessanten Einblicken in die Biokunststoff-Branche und einem fundierten Abriss über den aktuellen Stand der Technik.

bioIMG 00461Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, eigens aus dem Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz ins Plastics InnoCentre nach Horb a.N. gereist, lieferte die harten Fakten: „Der aktuelle Anteil der regenerativen Varianten an der Kunststoffproduktion beträgt knapp sechs Prozent und deren Rohstoffe werden auf rund 0,3 Prozent der globalen Agrar-Anbaufläche produziert“. Die Staatssekretärin führte im PLIC damit deutlich das Dilemma vor Augen in dem die Biokunststoffbranche steckt: Kunststoffe auf Basis regenerativer Rohstoffe böten zwar einerseits eine echte Alternative zu ihren erdölbasierten Pendants, die als Plastikmüll über die Ozeane treibend über kurz oder lang für den Kollaps eines gesamten Ökosystems verantwortlich zeichnen, konkurrieren andererseits auf den landwirtschaftlich wertvollen Flächen mit der Produktion von Nahrungsmitteln. „Würde man sämtliche Kunststoffe biobasiert herstellen, bräuchte man hierzu gerade mal fünf Prozent der globalen Agrarfläche“, rechnete die Politikerin vor. Diese Zahl hört sich zunächst unkritisch an, birgt aber vor der Herausforderung, zukünftig eine Weltbevölkerung von rund neun Milliarden Menschen satt zu bekommen, durchaus gesellschaftliche Sprengkraft. Ein von Friedlinde Gurr Hirsch im PLIC propagierter Weg ist deshalb die konsequente Nutzung von Nebenprodukten und Reststoffen. Alleine mit dem aktuell noch verbrannten Altholz ließe sich ein großer Teil des Rohstoffbedarfs für Biokunststoff decken, argumentierte die Staatssekretärin.

Einen Weg eben jene, von Friedlinde Gurr-Hirsch angesprochenen Restestoffe zukünftig in die Kunststoffproduktion einzuschleusen, ist die Verwendung von nachhaltig produzierter Polymilchsäure (PLA) für Verpackungen. Armin Amirpanah von der weforyou GmbH ging näher auf PLA als jenen Stoff ein, der auf dem Weg ist, die Bio-Kunststoffherstellung in Teilbereichen zu revolutionieren: „Pflanzenstärke wird in Zucker umgewandelt und eine High-Tech-Bioraffinerie verwandelt den im Zucker enthaltenen Kohlenstoff durch Fermentation, Separation und Polymerisation in ein Kunststoffpolymer“. Polymilchsäure avancierte innerhalb weniger Jahre vom Nischenprodukt zur echten Alternative für die Herstellung von Biokunststoffen und ist zweifellos ein Stoff der Zukunft, aber eben bei weitem eben nicht der einzige. Die Biokunststoffbranche ist dynamisch und die Materialien sind komplex. Markus Hoffmann von der SKZ GmbH präsentierte einer von namhaften Instituten entwickelten Onlinedatenbank ein Werkzeug, dass die Werkstoff- und Verfahrensauswahl im Bereich der Biokunststoff signifikant vereinfacht.

bioIMG 00541„Wir sind Pioniere!“ Dieser Satz von Raphael Stäbler, der mit seinem Unternehmen 4e solution GmbH höchst erfolgreich auf regenerativer Basis Bisphlenol-freie Pausenbrotboxen und Mehrwegverpackungen für die Naturkostbranche herstellt, gilt stellvertretend für viele Unternehmen der Biokunststoffbranche. Wie sein Kollege Jürgen Pfitzer von der TECNARO GmbH aus Ilsfeld ist auch Stäbler fest von der Zukunftsfähigkeit der Biokunststoffe überzeugt. TECHNARO verwendet als Hersteller von Biokunststoffgranulaten bereits schon heute überaus erfolgreich Lignin als Abfallstoff der Zellstoffindustrie und bietet eine breite Produktpalette auf nachhaltiger Basis, die Jürgen Pfitzer dem interessierten Publikum im PLIC vorstellte.

Die im Titel der Veranstaltung aufgeworfene Frage, ob die Verwendung von biobasierten Kunststoffen letztendlich einen ökonomischen Vorteil gegenüber erdölbasierten Varianten bietet, wurde ebenso kontrovers diskutiert wie der signifikante Einfluss der Kunststoffproduktion auf die Klimaerwärmung, angesichts einer Verwendung von nur fünf Prozent sämtlicher fossiler Rohstoffe für Kunststoffproduktion. In einem Punkt herrschte allerdings Konsens im PLIC: Die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe muss ein Ansporn dafür sein, weitere Rohstoffe und Verfahren für die Herstellung biobasierter Produkte zu entwickeln. „Dies ist auch einer der Aufträge des vom Land Baden-Württemberg und der Europäischen Union geförderten Plastics InnoCentre“, ergänzte PLIC-Projektleiter Udo Eckloff, der sich ein weiteres Mal über eine gelungene Veranstaltung und ein volles Haus im Horber Innovationspark in der ehemaligen Hohenbergkaserne freute.

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